Regeln ab und zu als Empfehlungen betrachten

In amerikanischen Reiseführern steht ein wichtiger Hinweis, dass die Aufforderung der Verkehrsampeln in New York mit „Walk“ und Don´t walk“ lediglich als Vorschläge zu betrachten sind.

Regeln werden ja dadurch am Leben gehalten, dass man ihnen folgt, ohne sie in Zweifel zu ziehen. Aber erst dann, wenn wir dies tun würden (diese Regeln ab und zu auch einmal zu überdenken), machen wir sie selbst und unser Handeln zum Thema (#www.hoheluft-magazin.de, Heft 4/2016, S.80).

Vorab – von einer Regel sprechen wir, wenn wir eine verbindliche Richtlinie für unser Handeln verwenden. Wenn wir also unser Handeln bestimmten Regeln unterwerfen, sollten wir aber auch grundsätzlich in zwei Arten von Regeln unterscheiden. Laut dem Philosophen John Rawls sprechen wir zum Beispiel von konstitutiven und von regulativen Regeln (vgl. John Rawls, 1979 in seinem Werk: Eine Theorie der Gerechtigkeit).

Konstitutive Regeln: Definieren erst überhaupt eine Verhaltensform – z.B. wird durch bestimmte Grundnormen das Zusammenarbeiten in einem Unternehmen geregelt. Diesen unterwirft man sich, wenn man die Firmenpforte des Unternehmens als Mitarbeiter betritt. Beispiele dazu sind: Arbeitszeitregelung, hierarchische Abhängigkeiten und Unterordnung (command and control) oder Lohn bzw. Gehalt als Gegenleistung für Mitarbeiterleistung.

Nach Aussage des österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein (1895-1951) geht es aber eben nicht nur darum, mit den Regeln die eigene Freiheit zu strukturieren um der „eigenen Mündigkeit Genüge zu tun“, sondern darum, „Gepflogenheiten“ zu erfüllen, die auf Nachahmung beruhen, die die Anerkennung einer Gemeinschaft zum Ziel haben. Eine Regel manifestiert sich nach Wittgenstein also auch dadurch, dass andere ihr folgen und sich dadurch anderen Menschen anschliessen. Erst dann werden sie als Teil dieser Gemeinschaft (Familie, Gesellschaft, Firma, Verein, …) anerkannt. Dies geschieht natürlich nicht explizit (zum Beispiel als eigenes Ritual) sondern stets im Rahmen einer sozialen Praxis, von uns als selbstverständlich und verpflichtend anerkannt.

Regulative Regeln hingegen „regeln“ demnach das Verhalten, z.B. Verfahrens- und Verhaltensanweisungen für einzelne Tätigkeiten oder aber auch z.B. das Rauchverbot am Arbeitsplatz.

Übertragen wir dies in unseren betrieblichen Alltag, dann unterwerfen wir uns demnach zwei Grundarten von Regeln. Jene die man einhalten MUSS, die also das soziale Agieren und Zusammenarbeiten „regeln“ und jene die man einhalten KANN.

Die KANN-Regeln sind jene, die oftmals als Lernpunkte aus positiv (aber negativ) gemachten Erfahrungen heraus im Unternehmen ermittelt, in Organisationsanweisungen formuliert werden und dann als Richtlinie zu betrachten sind.  Von diesen KANN-Regeln haben wir im Moment in Unternehmen sehr, sehr viele erstellt, oftmals kompliziert verwaltet und aufwändig operationalisiert. Ich denke da nur ans Prozessbeschreibungen, Verfahrensanweisungen, Arbeitsrichtlinien, Projektleitfäden, Corporate Governance Richtlinien, u.v.a.m.

Vielleicht ist es in unserer momentanen volatilen Wirtschaftswelt notwendig, mache Regeln (KANN-Regeln) hin und wieder mehr als Vorschläge zu betrachten – und dann einfach zu „übertreten“ – wenn wir glauben, dass dies in der gegebenen Situation der bessere Weg ist.